In der hiesigen Königlichen Bibliothek befindet sich in einem Miscellancodex
des zehnten Jahrhunderts
(codd. lat. octav. nro. 730) ein bisher noch unbenutzter Text der Schrift
des Fulgentius de abstrusis
sermonibus. So unwichtig für unsere Kenntniß des
Alterthums nun auch dieser Phantast oder gar Betrüger
sein mag, so ist es doch (298) vielleicht
gestattet, von einer Handschrift desselben, die zu den ältesten gehört,
Notiz zu geben. Sie beginnt mit einem Commentar zu Theilen des neuen
Testaments, der die ersten 121
Blätter einnimmt; auf ihn folgt ein lateinisch-deutsches Glossar,
anfangend Plaustrum vuagan. aratrum
pluog; und hieran schließt sich von Blatt 128 bis 135
der Text des Fulgentius. Dann folgen Excerpte
besonders aus Isidors Origines, die den Schluß des Buches bilden.
Von den bisher bekannten Handschriften
des Fulgentius steht dieser die Wolfenbüttler (Gudian. 335) aus
dem 10. und die Brüsseler 10083 aus dem
12. Jahrhundert am nächsten, doch so, daß diese beiden unter
sich enger verwandt sind, als mit der Berliner.
Nächst diesen zeigt er einige Aehnlichkeit mit dem von Bongarsius
verglichenen Codex, dessen Angaben die
Baseler Ausgabe des Fulgentius (bei Roth und Gerlachs Nonius) mit dem
Zeichen B1 bezeichnet. Die
Baseler Ausgabe bietet auch die Varianten des Gudianus unter dem Zeichen
G1; der Brüsseler Codex ist in
Lersch's Ausgabe vollständig abgedruckt S. VI-XXII. Ich werde
daher mich an letzteren anschließen und nur
angeben, wo die Berliner Lesart von ihm abweicht.
[Collation follows]
(299) Zum Schlusse möchte ich Einen
Verdacht, den Lersch gegen Fulgentius ausgesprochen hat, von
diesem abzuwenden suchen; das Ver-(300)-dammungsurtheil
gegen seine Schrift selbst wird dadurch
durchaus nicht aufgehoben, noch auch nur gemildert. Da in der erwähnten
Brüsseler Handschrift die Schrift
nicht, wie sonst überall, dem Chalcidius, sondern einem Presbyter
Catus dedicirt ist, demselben wohl, dem
unser Autor auch sein mythologisches Wert widmete, so vermuthet Lersch
S. 90, daß Fulgentius "nicht allein
die Leser, sondern auch seine guten Freunde auf eine schmähliche
Weise hintergangen" habe, indem er
"dasselbe Werk in etwas veränderter Gestalt einmal dem Chalcidius,
ein andermal seinem Freunde Catus
übersandte." Die Gründe, die Lersch für diesen Argwohn
vorbringt, scheinen mir seineswegs stichhaltig. Die
ganze Abhandlung von Lersch berücksichtigt überhaupt nur
zwei Handschriften, beide in Brüssel; die zweite
derselben, No. 9172, hat nun allerdings das Eigenthümliche, daß
eine Anzahl von Artikeln in andrer
Reihenfolge stehen als in allen übrigen in dieser Beziehung bekannten
Codices. Wenn aber Lersch diese
Verschiedenheit der Ordnung in Verbindung bringt mit dem Catus, dem
die eine, und dem Chalcidius, dem
die andere Schrift gewidmet ist, und daraus zwei, für beide Männer
bestimmte Recensionen folgert, so wird
dies höchst einfach dadurch zu nichte, daß die einzige an
Catus gerichtete Handschrift und die einzige mit
der ungewöhnlichen Reihe der Artikel eben nicht eine und dieselbe
ist; vielmehr hat das Catus-Exemplar den
gewöhnlichen Text, die letztere dagegen ist mit der großen
Mehrzahl der andern dem Chalcidius dedicirt.
Neben diesem Hauptgrund brachte Lersch noch einige andere ohne jedes
Gewicht; daß die
Catus-Handschrift am Anfang ein General-Register hat, einige (8) Schriftstellerzeugnisse
dagegen fehlen,
kann man wohl ohne Skrupel auf die Rechnung der Abschreiber setzen.
Die "Masse sonstiger Einzelheiten,
die der aufmerksame Leser selbst finden wird", bezieht sich wohl auf
die vielen Textverschiedenheiten
zwischen den beiden Brüsseler Handschriften; ohne dies jetzt ins
Einzelne nachzuweisen, berufe ich mich
nur darauf, daß die Handschrift an Catus mit der Berliner und
mehr noch mit dem Gudianus, die doch beide
an Chalcidius gerichtet sind, die größte Aehnlichtkeit hat.
Nichts weist also mit Wahrscheinlichkeit auf zwei
Urausgaben hin, und so muß der Name Catus denn wohl durch Irrthum
in der Brüsseler Handschrift dem
Titel beigesetzt worden sein. Freilich, da in diesem Codex unmittelbar
vorher desselben Fulgentius
Continentia Vergiliana, an Chalcidius gerichtet, steht, so bemerkt
Lersch mit Recht, daß eine Uebertragung
des Namens Catus aus einer vorhergehenden Widmung in diesem Codex nicht
anzunehmen sei; aber warum
soll nicht in dessen Original bereits diese Aenderung geschehen sein,
warum kann nicht dort die Mythologie
des Fulgentius vorhergegangen und von ihr der Name Catus auch auf die
lexikalische Schrift übertragen
sein? Jedenfalls ist doch diese Annahme weit natürlicher, als
die, daß wir eine Handschrift einer betrügerisch
und heimlich abgefaßten besonderen Recension des Werkes haben
sollten, die sich doch von (301) der
gewöhnlichen Form desselben in gar nichts Wesentlichem unterscheidet.
Wie übrigens in der andern
Brüsseler Handschrift die abweichende Anordnung der Artikel entstanden
sei, wird sich wohl nicht anders
erklären lassen, als indem man es für Einfall irgend eines
Abschreibers hält, der aus wer weiß welchem
Grunde für einige Artikel ein besonderes Interesse hatte und sie
deswegen—wenn nicht einfach aus
Versehen—an den Anfantg stellte.
Berlin. Alex. Riese
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